Tod und kein Erbarmen (von Elias Haller)

Ganz unterschiedlich schrullige Figuren, ein kleines Dorf im Erzgebirge und ein Verbrechen, dessen Ursprung tief in der Vergangenheit liegt. Elias Haller gelingt ein spannender, kaum vorhersehbarer Regionalthriller um seinen Kommissar Erik Donner.

Quelle: Amazon

Am Tiefpunkt seines Lebens angekommen, reist Kommissar Erik Donner ins ländliche Pöhla im tiefsten Erzgebirge. In der Dorfkneipe muss er feststellen, dass sein Ruf ihm deutlich weiter voraus eilt, als er dachte. Er wollte eigentlich nur in Ruhe seinen Frust ertränken, doch als er das fast geschafft hat, tritt Linda Groß an ihn heran. Ihre damals achtjährige Cousine Violetta verschwand vor zehn Jahren auf dem Schulweg, zahlreiche Theorien machen seither die Runde im Dorf. Linda hat nie aufgegeben, Violetta zu suchen. Donner ist sichtlich in der falschen Lage, um sich einem Fall zu widmen, so kommt es zum Streit. Als er am nächsten Morgen erwacht, ist sein Leben auf den Kopf gestellt. Linda ist tot, sein Zimmer ein blutiges Schlachtfeld und seine Erinnerungen an die Nacht begrenzt. Donner gerät schnell unter Tatverdacht und mehr und mehr wird klar, dass jemand im Dorf ein schlimmes Geheimnis hütet und dafür zu allem bereit ist.

Tod und kein Erbarmen ist der siebte Teil in Elias Hallers Reihe Erik Donner. Der Thriller umfasst 383 Seiten und erschien 2019 bei Edition M, einem Imprint von Amazon Publishing.

Ein Wort vorweg: Tod und kein Erbarmen ist meine erste Begegnung mit Hallers Kommissar Erik Donner. Eigentlich steige ich ungern mittendrin in Reihen ein, aber nun ist es dank NetGalley eben mal wieder passiert. Wenn mir also Vorwissen aus den übrigen Bänden fehlt, möge man mir das verzeihen. Die Reihe ist schon auf meinem Lesestapel gelandet, ich hole das also nach.

Vor zehn Jahren verschwand die achtjährige Violetta Hartwig auf dem Weg zur Schule, seitdem ist ihn Pöhla nichts mehr wie zuvor. Pöhla ist ein typisches Dorf im Erzgebirge – und ein reales. Eine lange Bergmannstradition mit folgender Abgehängtheit prägen das Dorf. Die Bewohner sind ein verschworener Haufen, verbunden in Traditionen und der glorifizierten Vergangenheit. Jeder hat seine eigenen dunklen Geheimnisse und man akzeptiert das. Das Verschwinden von Violetta und die darauf recht schlampig folgenden Ermittlungen haben die Ruhe gestört. Der damalige Bürgermeister verlor sein Amt, durch unterschiedlichste Theorien über Violettas Schicksal haftete nun diversen Bewohnern der Verdacht an. Nach einiger Zeit arrangierte man sich mit dem Schicksal und das Leben im Dorf ging weiter – bis Linda Groß, die die Suche nach ihrer Cousine nie aufgeben konnte, nun Hinweise bekommt, die belegen sollen, dass Violetta noch lebt.

Mitten in diesem Schmelztiegel taucht Kommissar Erik Donner auf der Bildfläche auf und gerät ohne eigenes Zutun direkt tief in ihn hinein. Elias Haller überlässt ihm aber keineswegs die uneingeschränkte Hauptrolle, wie man es vielleicht erwarten sollte, ist die Reihe doch nach Donner benannt. Als Donners Kampf gegen den Tatverdacht beginnt, tauchen schnell Kollegen auf, von denen insbesondere Sokrates Vogel, der wirklich beeindruckend kauzige Cold-Cases-Kommissar, und seine neue Kollegin Lia Winter hervorstechen. Insgesamt bin ich ein bisschen beeindruckt, wie viele von Donners Kollegen sind das Prädikat kauzig ans Revers heften dürfen. Das mag nicht unbedingt realistisch sein, aber Fiktion darf das und es gelingt Haller auch wirklich gut, die Figuren trotzdem ganz unterschiedlich zu gestalten.

Überhaupt gefallen mir die Figuren wirklich gut und das ist ein Hauptgrund, warum Tod und kein Erbarmen nicht mein letzter Donner bleiben wird. Alle sind auf eine gewisse Weise mal mehr mal weniger kaputt, werden dabei allerdings nicht unsympathisch. Besonders an Vogel kann man das gut beobachten, denn sein Start lässt ihn wirklich unsympathisch dastehen. Dann jedoch kommt schnell sein zynischer Humor zum Tragen und wenig später beginnt man zu merken, dass sich in dem alten und kranken Kommissar doch ein sehr korrekter Mensch verbirgt.

Elias Haller würzt seinen Thriller mit einer guten Portion Lokalkolorit. Damit hatte ich über weite Teile des Buches kleine Probleme, weil zwar Traditionen und Heimatverbundenheit klar durchscheinen, Nationalismus und Rassismus, die in einem Dorf im tiefsten Erzgebirge – in Schwarzenberg wählten bei der letzten Landtagswahl immerhin 33,6% die AfD und 31,9% die gar nicht so christliche sächsische CDU – zweifellos im Alltäglichen zu finden sein müssten, nicht stattfinden. Ich kam schon an den Punkt, das so typisch für den sächsischen Umgang mit dem Problem zu finden. Gegen Ende des Buches spricht Haller dann jedoch auch den Rassismus an und seine Widersinnigkeit sogar recht deutlich. Das versöhnt mich zwar ein bisschen, aber genug ist mir das eigentlich nicht.

Während mich Hallers Sprache begeistert – das Buch ist rund geschrieben, sprachlich weder zu einfach noch zu komplex – lässt mich der verlegerische Anteil etwas ratlos zurück. Ich weiß nicht, ob das auch die Printausgabe betrifft, aber im Ebook finden sich mir unerklärbare sprachliche Fehler. Nicht sehr viele, aber dafür solche, die untypisch auffällig sind. Mich erinnerte das an die urheberrechtsfreien Klassiker, die Amazon mal vor Jahren kostenlos aufgelegt hatte. Die strotzten vor sprachlichen Fehlern, wo offenbar die OCR-Heuristik beim Scan versagt hatte. Sowas wie »Vor Langem Zeit«. Solche Fehler gibt es in Tod und kein Erbarmen auch und es sind nach meiner oberflächlichen Lektüre die einzigen Fehler, die die Schlusskorrektur überstanden haben. Das wundert und ärgert mich, weil sie eigentlich so auffällig sind, dass das nicht passieren sollte. Es waren vielleicht zehn über das ganze Buch, aber das sind bei der sprachlichen Qualität immer noch mindestens neun zu viel. Allerdings ist das nun wirklich äußerst individuell und kaum Haller anzulasten, also lasse ich das ebenso wenig in meine Bewertung einfließen, wie dass ich mir extra einen Kindle kaufen musste, um das von NetGalley bereitgestellte Ebook überhaupt lesen zu können (NetGalleys Amazon-Ebooks werden von Amazon als Docs eingeordnet und die lassen sich ausschließlich mit einem Kindle oder den Kindle-Apps für Mobilgeräte lesen. Hätte man wissen können, wenn man vorher die FAQs gelesen hätte, aber wer erwartet schon sowas?).

Um aber wieder mit etwas Positivem abzuschließen, ein Wort zur Story. Denn die ist erfreulich komplex, so dass ich zwar immer wieder Ahnungen bekam, wie die Geschichte nun aufgelöst werden könnte (vulgo: wer der Täter ist), die wurden aber auch schnell wieder zerstreut. Haller baut um das vergangene und aktuelle Geschehen im Dorf einen vielschichtigen Thriller, der bis zum Ende nicht leicht vorherzusehen ist. Das freut mich, denn das macht für mich gute Reihen aus – neben der Ausarbeitung der Figuren.

In diesem Sinne hatte ich viel Freude mit Tod und kein Erbarmen, der Aufwand, sich extra einen Kindle zu kaufen, hat sich also gelohnt. Wer etwas komplexere Thriller mit Lokalkolorit und durchweg schrulligen Protagonisten mag, wird mit dem Buch auf jeden Fall glücklich.

Mein Gesamturteil in Sternchen
Erik Donner

Transparenzblock: Das Buch habe ich im über NetGalley als Rezensionsexemplar kostenfrei erhalten. Verpflichtungen (beispielsweise eine »wohlwollende« Rezension) sind damit, abgesehen von eben einer Rezension, nicht verbunden. Meine Meinung über das Buch, die ich hier kund tue, wird dadurch nicht beeinflusst.

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