Rezension: Neujahr (von Juli Zeh)

Quelle: Amazon

Henning ist ein moderner Vater. Mit seiner Frau Theresa und den beiden Kleinkindern führt er eine moderne Familie. Trotzdem nagt etwas an ihm. Über Weihnachten und Neujahr fliegen sie nach Lanzarote, ihn hat es dorthin gedrängt. An Neujahr setzt er einen seiner Vorsätze um und schwingt sich aufs Leihfahrrad, den Steilaufstieg nach Fermés zu bezwingen. Schlecht ausgerüstet, bei windigem Wetter und ohne Proviant wird die Fahrt zur Qual. Er rekapituliert sein Leben: Eigentlich hat er es gut. Guter Job, gute Familie – seine Verhältnisse sind stabil. Trotzdem leidet er seit der Geburt der Tochter unter Panikattacken. Als er den geplanten Aufstieg (und etwas mehr) endlich geschafft hat, bricht die verdrängte Vergangenheit über ihm zusammen.

Juli Zehs Roman Neujahr teilt sich auf knapp 200 Seiten eigentlich in zwei Geschichten auf. Die erste Hälfte beschäftigt sich mit der Gegenwart und Hennings Radtour. Die Erzählung wechselt ständig zwischen dem Hier und Jetzt auf der Straße und der Rekapitulation seiner Lebensverhältnisse. Man erfährt viel über den Alltag wohl vieler moderner Familien. Der zweite Teil spielt in Hennings frühester Kindheit. Hier ist die Zeitlinie konstant. Ganz zum Schluss wechselt die Geschichte noch mal zurück in die Gegenwart.

Die Geschichte las sich für mich, obwohl insgesamt recht kurz, besonders in der ersten Hälfte ziemlich langatmig. Die Phasen in denen das Geschehen auf der Straße beschrieben wird, waren für meinen Geschmack zu ausgedehnt, der Informationsgehalt rechtfertigte das nicht. Man hätte Henning wohl auch verstehen können, wäre hier gekürzt worden. Ich habe mich regelmäßig dabei ertappt, darauf zu warten, dass er endlich wieder in Gedanken versinkt. Die Phasen waren wesentlich interessanter. Auch in der zweiten Hälfte gab es Phasen, in denen einzelne Szenen gefühlt zu sehr ausgedehnt wurden. Da fiel es aber nicht so sehr ins Gewicht.

Im Hinblick auf die Story fand ich Neujahr eigentlich wirklich gut. Ich hätte es mir aber eher als Novelle gewünscht. So kommt es an die beiden Werke Zehs, die ich bisher gelesen und sehr genossen habe – Unterleuten und Leere Herzen – nicht ran. Das allerdings eben nur durch die gefühlt künstliche Ausdehnung der Story. Die Story an sich ist zwar ganz anders als die beiden Werke, dabei aber nicht weniger gut.

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