Rezension: Der Patriot (von Pascal Engman)

Quelle: Klett-Cotta

In Stockholm wird eine junge Journalistin brutal ermordet. Wenig später folgen weitere. Allen gemein, sie vertraten linke, migrationsfreundliche Positionen. Carl Cederhielm verbreitet mit seiner rechtsextremen Terrorzelle Angst in Schwedens Redaktionen. Wenig später kommen islamistische Terroranschläge dazu. In dieses gefährlich brodelnde Schweden kehrt August Novak nach einem Jahrzehnt der Abwesenheit zurück.

Pascal Engman debütiert mit einem rasanten Thriller mit gesellschaftlich hochaktuellem Thema. Ich sag’s gleich vorweg, mit der Rezension tue ich mich schwer. Das könnte holprig werden, aber ich gebe mir Mühe.

Noch eine Warnung vorweg: Die Rezension geht recht tief in die Story. Ich würde im Nachhinein sagen, ich hätte die Klappentexte vorher lieber nicht gelesen. Allerdings ist es natürlich irgendwie schwer, nur am Titel das Interesse zu finden. Wer das Buch lesen möchte, der möge darüber nachdenken, ob er sich durch die Rezension zu sehr spoilern lassen will.

Engman startet seine Geschichte mit vier getrennten Handlungssträngen. Die Kapitel sind relativ bis sehr kurz und meistens mit recht viel Handlung und insbesondere bei August mit verwirrend vielen Nebencharakteren gefüllt; letzteres macht es durchaus nicht ganz einfach, dem Handlungsstrang im Detail zu folgen. Jedes Kapitel behandelt nur einen Handlungsstrang, bis sich die Stränge zu verbinden beginnen, womit er etwa nach dem ersten Drittel des Buches beginnt. Durch das gesamte Buch ziehen sich Cliffhanger an den Kapitelenden, was besonders im ersten Drittel durchaus anstrengend sein kann, wenn man das Lesen unterbrechen muss.

Die Geschichte erzählt Engman aus der Sicht des allwissenden Erzählers und nutzt das auch. Schon in den beiden Klappentexten wird verhältnismäßig viel gespoilert, beispielsweise die Terrorzelle um Carl und Augusts Rolle in Schweden (die beginnt erst ein gutes Stück nach der Hälfte des Buches). In den einführenden Kapitels setzt sich das nahtlos fort, als er spoilert, dass Ibrahim einen schweren Anschlag verüben wird – auch das passiert erst in der Mitte des Buches. Während die beiden erstgenannten Fälle relativ unkritisch sind, ist der Ibrahim-Spoiler drastischer. Sein Charakter wird von Anfang an so aufgebaut, dass seine Beteiligung an einem Terroranschlag kaum begreifbar ist. Engman spielt damit aber sehr gekonnt, indem er immer wieder mögliche Ursachen andeutet, aber nicht umsetzt. Ein bisschen schade fand ich, dass es dann doch die im Verlauf naheliegendste und damit schmerzhafteste Variante wurde. Engman hat Ibrahim bis dahin durch konsequente Verletzungen und seinen positiven Umgang damit so aufgebaut, dass eigentlich eine »Rettung«, bei der er wenigstens ansatzweise das Gesicht wahren kann, hätte kommen müssen.

Wenn es um die Beschreibung der Terrorzelle und der gesellschaftlichen Reaktionen geht, tritt Engmans Hintergrund als Journalist, der den Beruf unter dem Druck von Drohungen aus dem rechten Spektrum gegen sich und seine Familie aufgab, deutlich zutage. Das Psychogramm der drei Terroristen ist fundiert und grenzt in seinem Detailreichtum fast an Fachlektüre. Auch das Phasenmodell der Radikalisierung, das er von einem Psychologen erklären lässt, bekommt ausführlich Raum. An mehreren Stellen erklärt er Argumentationsmodelle der Rechten und wie sie logische Einwände aus der Welt wischen. Auch die Hilflosigkeit der Opfer rassistischer Gewalt kommt mit Ibrahims Familie und Augusts Ersatzfamilie keineswegs zu kurz. Als jemand mit einem gewissen Maß an Empathie und dies alles aus der Realität kennend, fiel mir das Lesen da teilweise wirklich schwer. Ich denke, es ist hart mitzuerleben, dass den Verhältnissen, die in der Realität schon zu viel Schaden anrichten, nicht mal in der Fiktion mit einem guten Ende begegnet werden kann. Alles in Allem überwiegt für mich aber die Hoffnung, dass eben dieser Umgang und die Tiefe einen Oha-Effekt bewirken könnten.

In dem Zusammenhang finde ich auch erwähnenswert, dass Engman fast jedem Charakter sympathische Elemente verpasst hat. Sogar Carl, den man als Inbegriff des Bösen erwarten würde, hat seine Episoden, wenn es um seine Vergangenheit geht. Einzig Madeleine macht da sehr lange eine Ausnahme. Sie ist durchweg so berechnend und gefühlskalt gezeichnet und bekommt erst sehr spät einen kurzen Moment, als es um Erik geht. Das wirkt lange sehr merkwürdig, bis ihre wahre Rolle ans Licht kommt. Die füllt ihr Charakter dann sehr gut aus.

Im Übrigen möchte man bei Engman wohl kein irgendwie sympathischer Hauptcharakter sein. Die lässt er nämlich mit erschreckender Konsequenz sterben.

Sehr schade finde ich, dass die Rolle von Ibrahims Tochter Mitra in der Storyrealität unaufgeklärt bleibt, obwohl DNA-Spuren sie eigentlich in Frage stellen müssten. Die Geschichte endet zeitlich aber auch recht kurz nach dem Finale. Hier hätte mir ein späterer Epilog besser gefallen, der solche Elemente berücksichtigen und den hoffnungslosen Eindruck, den das Ende hinterlässt, ein wenig korrigiert. Die gesellschaftlichen Konsequenzen, die sich aus der Aufarbeitung ergeben müssten, hätten das Buch durchaus abrunden können. Gerade weil das Buch im Kern sehr realistisch aufgebaut ist, wäre ich als Leser gerne nicht so sehr im Regen (bzw. Schnee) stehen gelassen worden.

Ein Wort noch zum Umschlag, das ich nicht vergessen möchte. Ich habe die Paperback-Variante – und die ist erfreulich wertig. Wenn ich mir die Kanten meiner Büchersammlung anschaue, hätte ich mir wohl öfter eingeschlagene Paperbacks gewünscht. Das Cover passt stimmungsmäßig zur Geschichte, wirkt nicht überladen und ist als Foto genau so weit mit Filtern bearbeitet, dass es die Wirkung steigert, aber nicht stört. Mich freut auch, dass Nike Karen Müller als Übersetzerin prominent Platz im hinteren Umschlag bekommen hat, statt nur irgendwo im Verlagsteil unterzugehen.

Ich komme zum Schluss. Trotz meiner Kritikpunkte und nach einigem Nachdenken möchte ich das Buch doch wirklich empfehlen. Es behandelt ein sehr aktuelles Thema und das sehr detailreich und überzeugend von vielen Seiten. Daneben ist Engmans Schreibstil wirklich ein Genuss. Ich werde mir seinen Namen jedenfalls für die Zukunft merken.

Mein Gesamturteil in Sternchen

Transparenzblock: Das Buch habe ich im Rahmen einer Buchverlosung über LovelyBooks als Rezensionsexemplar kostenfrei erhalten. Verpflichtungen (beispielsweise eine »wohlwollende« Rezension), abgesehen von Beteiligung an der Leserunde und eben einer Rezension, habe ich dabei keine. Meine Meinung über das Buch, die ich hier kund tue, wird dadurch nicht beeinflusst.

Transparenzblock: Diese Rezension ist auch auf meinem Profil bei mojoreads (Werbung) erschienen. mojoreads versteht sich als social bookstore und beteiligt seine User am Erlös aus Buchverkäufen, die u.a. auf ihre Rezensionen zurückgehen. Wenn du das Buch kaufen willst, würdest du mir eine Freude machen, wenn du es über meine dortige Rezension (Werbung) kaufst. Bedankt 🙂

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