Rezension: Todesbrut (von Klaus-Peter Wolf)

Quelle: script5

Ostfriesland im Ausnahmezustand. Nach einem Ausbruch der Vogelgrippe im Raum Emden wird die Stadt abgeriegelt. Die Fähre nach Borkum hängt samt Urlaubern auf der Nordsee fest. Borkum will sich gegen die Seuche verteidigen, nach Emden zurück wollen die Fahrgäste nicht. Aus einem Mastbetrieb für Hühner wird in kürzester Zeit eine bedrohte Festung. Schnell brechen gewohnte Regulierungs- und Sicherheitsinstitutionen zusammen, das moralische Gesellschaftsfundament bricht zusammen, das Recht des Stärkeren beginnt sich zu etablieren. Mittendrin versuchen zahlreiche Protagonisten in ihren unterschiedlichen Situationen einfach nur zu überleben.

Todesbrut stammt bereits aus dem Jahr 2013, zeichnet aber ein Szenario, das genau so immer noch stattfinden könnte. Die staatliche Ordnung bricht durch eine Ausnahmelage quasi von einem Moment auf den anderen völlig zusammen. Wie geht das Individuum damit um? Wolf zeichnet durch seine zahlreichen Protagonisten ein Füllhorn an Wegen. Sei es der charismatische Führer, der, um die Sicherheit Borkums besorgt, eine Bürgerwehr aufstellt. Sei es der industrielle Hühnerfarmer, der sich im Moment der Bedrohung seines Betriebs und seiner Tiere plötzlich mit radikalen Tierschutzaktivisten verbündet – und umgekehrt. Sei es der Liebende, der auf dem Weg zu seiner Freundin um jeden Preis eine kaputte Familie retten möchte. Und viele mehr. Wolf gewährt Einblick in zahlreiche Charaktere – vermeintlich gute und böse – und demonstriert, dass sich Gut und Böse so trennscharf nicht immer definieren lassen. Im Angesicht des Chaos können gute Absichten böse Folgen hervorbringen.

Wolf befasst sich in seinem Szenario mit dem Mensch in Ausnahmesituationen generell. Das genaue Szenario ist eigentlich austauschbar, es ginge auch kleiner, die Mechanismen bleiben aber immer ähnliche. Er zeichnet seine Charaktere – und das ist bei der Masse durchaus beeindruckend – wie immer mit sehr viel Liebe. Durch die Menge an Schauplätzen könnte man meinen, die Story müsste rennen, dem ist aber kaum so, da das Zeitfenster, in dem das Buch spielt, sehr begrenzt ist. Insgesamt lässt es sich so, trotz der vielen Schauplatz- bzw. Storywechsel, sehr gut lesen.

Zusammenfassend möchte ich das Buch eigentlich jedem empfehlen, ganz besonders denen, die Gewaltausbrüche in Geflüchtetenunterkünften zum Anlass für ihre rechte Ideologie nehmen. Das Buch behandelt zwar ein vollkommen anderes Thema, die Charakterwandel, die sich beim sog. Lagerkoller abspielen, sind aber sehr ähnlich. Wolf zeichnet die gut nachvollziehbar. Insgesamt ein super Buch, das zum Nachdenken über den eigenen Umgang mit Ausnahmesituationen anregt.

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