Rezension: Traumfrau (von Klaus-Peter Wolf)

Ichtenhagen ist ein kleines Dorf im Westerwald, wie man sich ein kleines Dorf im Westerwald vorstellt. Es gibt einen Tante-Emma-Laden, eine Dorfwirtschaft – und neuerdings einen zwielichtiges Vergnügungshaus für Erwachsene. Günther, Wolfhardt, Hans, Hermann und Martin sind die örtliche Skatrunde und als solche Stammgäste in der Linde. Außerdem pflegen sie, als Querschnitt auf die eine oder andere Weise festgefahrener Leben auf dem Dorf, eine Lottotippgemeinschaft. Eines Tages gewinnen sie tatsächlich – 5 Richtige. Aus einer fixen Idee zur Steigerung ihrer aller Lebensqualität – eine thailändische Frau zu kaufen – die zwar Günther heiraten, aber doch für die ganze Runde zur Verfügung stehen solle, entwickeln sich ganz unterschiedliche Abgründe menschlichen Verhaltens. Während Günther fortwährend an seine gute Tat glaubt und sich mehr und mehr eine gleichberechtigte Ehe zum Lebensabend vorstellt, eskaliert die Situation durch die Fantasien der anderen zunehmend.

Das Buch, 1989 erstmals erschienen, behandelt mit der »Ehevermittlung« asiatischer Frauen ein damals hochbrisantes Thema. Klaus-Peter Wolf hat über zwei Jahre ungewöhnlich tiefgehend recherchiert. Das kann man beim Lesen auch kaum übersehen. Die einzelnen Charaktere werden, mit all ihren Träumen oder seelischen Abgründen, ausgesprochen überzeugend gezeichnet. Auch die Eskalationen der einzelnen Ereignisse und des Großen Ganzen ist bedrückend nachfühlbar konstruiert. Wolfs Charaktere könnten erschreckend real sein – bzw. unzählige reale Pendants haben. Wer in tief genug in den Mikrokosmos eines beliebigen Dorfes eintaucht, wird Anzeichen für den einen oder anderen sicherlich finden.
Insgesamt ist das Buch gleichzeitig etwas düster und … hell – ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll. Wolf versteht es, auch schlimmste Wendungen einer Story, bei denen man eigentlich nicht mehr weiterlesen will (viele seiner Bücher haben solche Stellen, an denen man genau weiß, jetzt wird ein Charakter moralisch nicht mehr erträglich), so in einen an sich positiven Grundrahmen des Gesamtwerks einzubetten, dass immer die Hoffnung bleibt, am Ende würde alles wieder gut. Günther Ichtenhagen ist in dem Fall dieser positive Grundrahmen. Dazu passt leider nicht ganz, dass Wolf auch gerne mit mehr oder weniger offenen Enden arbeitet. In Traumfrau bleibt es sehr offen. Das finde ich einerseits gut, andererseits könnte gerade das Buch auf so viele Arten ausgehen, von denen die wenigsten ein gutes Gefühl hinterlassen. Für mich hat Wolf etwas zu früh abgebrochen, etwas zu viele Möglichkeiten offen gelassen.

Zusammenfassend möchte ich Traumfrau aber empfehlen. Es ist nicht unbedingt leichte Kost, aber es legt einen Finger in die Wunde »Umgang mit Frauenhandel«, in der deutsche Justiz und Politik bis heute keine besonders rühmliche Rolle spielen.

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