Rezension: Das Werden des jungen Leiters (von Klaus-Peter Wolf)

Quelle: FISCHER

Jörg Staute lebt mit seiner Frau Annie das typische 80er-Jahre-Leben. Er arbeitet in der Buchhaltung der Kaufhauskette Dagobert, spielt in seiner Freizeit Basketball und doch fühlt er sich zu höherem berufen. Durch einen pikanten Zufall lernt er seinen etwas eigenen obersten Chef kennen, der von seinen Ideen begeistert ist. Vom einen auf den anderen Tag leitet Jörg plötzlich die Werbeabteilung der Kette und seine Ideen sind revolutionär. Natürlich stößt er damit auf Widerstand in der verstaubten Chefetage, in der sich jeder vorwiegend an Bestechungsgeldern bereichert. Und auch privat schafft sein Aufstieg neue Probleme.

Das Werden des jungen Leiters ist erstmals 1985 bei der Büchergilde Gutenberg erschienen, die aktuelle Fassung wird seit 2015 im FISCHER Verlag aufgelegt. Letztere habe ich gelesen. Das Buch umfasst 270 Seiten und ist in eine fast schon unanständige Anzahl Kapitel unterteilt. Man kann es also relativ gut unterbrechen.

Das Buch hat starke satirische Elemente. In der ersten Hälfte nimmt Wolf besonders die Werbebranche aufs Korn, in einem Zug damit die männerdominierten Chefetagen, wie sie seit der Wirtschaftswunderzeit typisch waren. Die zweite Hälfte empfand ich in der Hinsicht als schwächer. Sie ist breiter aufgestellt, u.a. die Politik kommt dazu. Die satirischen Elemente stehen aber nicht mehr so sehr im Mittelpunkt. Das Buch wird dadurch aber nicht schlechter, die Story bleibt witzig. Unterstützt wird das über das ganze Buch durch eine herrlich absurde Schreibweise.

Etwas schade fand ich, dass die Charaktere für Wolfs Verhältnisse etwas blass geblieben sind. Das bin ich nicht gewohnt. Bei Jörg ist mir beispielsweise am Ende des Buches immer noch nicht klar, warum er sich auf Seitensprünge und vor allem seine verhinderte Affäre mit Melanie einlässt. Für mein Gefühl passte das nicht zu dem Charakter, als den Wolf ihn aufgebaut hat. Bei Lizzie kann ich mir noch erklären, dass Jörg in seiner blauäugigen Art in eine Geschichte geraten ist, deren Dynamik sich einfach zu schnell entwickelt hat. Die geschah dann einfach, bevor er sie überhaupt richtig erfasst hatte und reagieren konnte. Bei Melanie passt das aber nicht.

Das soll es aber mit Kritik sein. Die Geschichte ist als Unterhaltungsliteratur super. Sie hat zwar ihre logischen Schwächen, aber die darf sie auch haben. Sonst könnte Wolf sie nicht so überziehen, wie er es für Satire braucht. Einiges ist so einfach nicht auf die heutige Zeit übertragbar, vieles bleibt aber, wenn auch der Mief nach den 80ern etwas raus ist. Der Katastrophenschutz würde heute (ich sage das aus meiner Erfahrung in Hessen, wo wir einen durch die Politik verhältnismäßig sehr gut ausgestatteten Katastrophenschutz haben) beispielsweise nicht mehr in der Art und Weise nicht stattfinden. Der Mief in den Chefetagen ist wahrscheinlich immer noch vorhanden, hat sich aber wohl gewandelt. Nicht zum Besseren, aber zu etwas anderes Schlechtem. Auch die Politik würde heute wohl immer noch versagen, allerdings anders. Weniger offensichtlich, als Wolf das bei seinen Lokalpolitikern durchspielt, mehr so, wie er es mit den Bundespolitikern macht.

Nichtsdestotrotz ist Das Werden des jungen Leiters auch heute noch eine unterhaltsame, kurzweilige Satire und allemal wert, gelesen zu werden. Alleine die absurde Schreibweise war mir ein Erlebnis.

[yasr_overall_rating null size=”medium”]

Transparenzblock: Diese Rezension ist auch auf meinem Profil bei mojoreads (Werbung) erschienen. mojoreads versteht sich als social bookstore und beteiligt seine User am Erlös aus Buchverkäufen, die u.a. auf ihre Rezensionen zurückgehen. Wenn du das Buch kaufen willst, würdest du mir eine Freude machen, wenn du es über meine dortige Rezension (Werbung) kaufst. Bedankt 🙂

Social Media Gedöns

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.