Rezension: Vielleicht gibt’s die Biscaya gar nicht (von Klaus-Peter Wolf)

Quelle: Fischer

Gisela führt ein Leben als typische Hausfrau und Mutter. Eines Tages reicht ihr das nicht mehr. Als sie an einer Raststätte den 20 Jahre jüngeren Tramper Mick aufgabelt, der vor einem Leben in vorgefertigten Mustern fliehen will, versuchen beide den Ausstieg. Es entwickelt sich eine stürmische Liebe und ein wilder Roadtrip quer durch Europa.

Vielleicht gibt’s die Biscaya gar nicht ist erstmals 1994 erschienen, könnte aber gut 10 Jahre älter sein. Die aktuelle Fassung stammt aus 2015. Älter könnte es sein, weil Ausstiegsfantasien und Rebellion gegen die geltenden Normen und Lebensvorstellungen eigentlich typisch für die 70er wären. Diese Aufbruchsstimmung zu vermitteln gelingt Klaus-Peter Wolf dann auch sehr überzeugend. Seine beiden Protagonisten versuchen beide – jeder von seiner Ausgangsposition und auf seine ganz eigene Weise – den Bruch mit ihrem bisherigen Lebensplan.

Hausfrau und Mutter Gisela hat mit ihrem Mann zwei Söhne auf der Schwelle zum Erwachsensein großgezogen. Er brachte das Geld ins Haus, sie war Hausfrau und Mutter. Mit einer wilden Geschichte über ihren gewalttätigen Mann und einen Geliebten in Stockholm meint sie sich für Mick interessant zu machen. Sie geniest sein Interesse und erlebt das, was sie als junge Erwachsene nicht erlebte, nun verspätet.

Mick dagegen gibt sich als trampender Straßenmusiker aus. Er gibt den großen Lebemann, immer seine Freiheit im Fokus und trotz seines jungen Alters weit herumgekommen. Im wirklichen Leben heißt er Edgar, soll einen Job in einer Bank annehmen und wohnt mit seiner zukünftigen Frau in einer Wohnung im Haus seiner Eltern. Als er Gisela trifft, plant er eigentlich, ihren Mercedes zu klauen – er möchte eigentlich ein Leben ein wenig wie sein Freund Jo, ein mehr oder minder erfolgreicher Autoschieber und Drogendealer, führen.

Um seine beiden Protagonisten baut Wolf eine roadtripartige Liebesbeziehung der ungewöhnlicheren Art. Bei ihren Zwischenstationen bis Stockholm und Micks anschließender Tour gibt er tiefe Einblicke in das Leben in den jeweiligen Ländern. Schon im Vorwort weist er hinsichtlich des Jungen mit der 20 Jahre älteren Geliebten auf autobiografische Einflüsse hin; ich würde annehmen, dass er auch das Leben an diesen Orten erlebt hat. Insbesondere Stockholm, Istanbul und der kurze Zwischenstopp in Griechenland sind da hevorzuheben.

Wolf beschäftigt sich durch Mick eindringlich mit dem Bruch mit den tradierten Rollenverhältnissen und Lebensentwürfen der Wirtschaftswundergeneration. Die Ambivalenz zwischen Freiheitsdrang und Sicherheitsbedürfnis, die ihren Höhepunkt in den 70ern fand, ist zentral und fährt auch auf Gisela ab. Für Mick überwiegt augenscheinlich ersteres, für Gisela letzteres. In diesem Spannungsverhältnis lässt er seine Charaktere sich neu erfinden.

Abseits all dessen ist Vielleicht gibt’s die Biscaya gar nicht eine wirklich schöne zeitlose Geschichte. Wolfs früheren Werken fehlt zwar noch der trockene Küstenhumor, schreiben und gute Geschichten konstruieren konnte er aber damals auch schon.

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