Der Sozius (von Lyl Boyd)

Quelle: BoD

Teresa studiert Literaturwissenschaften und möchte Journalistin und Autorin werden. Mitten in den Recherchen zu ihrem ersten Buch fühlt sie sich zunehmend verfolgt. Ihr Thema ist der Sozius, eine mysteriöse Figur der Hamburger Unterwelt. In den 1970er Jahren begann er seine Karriere im Rotlichtmilieu und arbeitete sich stetig nach oben, bis er heute quasi die Graue Eminenz hinter allem darstellt. Gemeinsam mit ihrem Freund Schneider muss sie feststellen, dass ihre Paranoia keineswegs ein Hirngespinst ist. Je näher sie dem Sozius kommt, desto größer wird die Gefahr.

Der Sozius ist Lyl Boyds erster Kurzroman. Das Buch umfasst 216 Seiten und wird seit dem 06.12.2019 im Self-Publishing zunächst als Paperback über BoD und Amazon vertrieben. Für das Rezensionsexemplar darf ich mich bei Lyl Boyd bedanken.

Der Sozius ist ein interessant anderer Roman, so möchte ich es mal ausdrücken. Die Geschichte lebt von Brüchen in der Erzählstruktur und das schadet dem Buch – das überrascht mich zugegebenermaßen ein wenig – kaum. Boyd erzählt abwechselnd die Geschichte des Sozius von den Anfängen bis zur jetzigen Zeit und Teresas Recherchen in der Gegenwart. Die Sprünge sind da teilweise gewaltig, insbesondere beim Sozius hatte ich stellenweise kleinere Schwierigkeiten, direkt Zusammenhänge von einer Station zur nächsten herzustellen. Trotzdem leidet die Spannung nicht unter diesem Phänomen. Das Buch liest sich trotz aller Brüche flüssig und Boyds Stil ist angenehm. Auf der knappen Menge Seiten, die ein Kurzroman hergibt, hätte man anders wohl auch kaum so viel Geschichte untergebracht.

Die Figuren, insbesondere der Sozius und Teresa, haben im Rahmen der Möglichkeiten des knappen Formats viel Tiefe. Besonders beim Sozius verknüpft Boyd die Charakter- mit der Geschichtserzählung durch den inneren Monolog. Das kann sich zwar stellenweise etwas anstrengend anfühlen, weil der Sozius für mich eine nicht immer unanstrengende Persönlichkeit hat (Geschmackssache), nutzt den geringen Platz aber ganz hervorragend aus, um Geschichte und Figur mit Leben zu füllen. Im Falle von Teresa geschieht die Charaktererzählung größtenteils im Dialog mit Schneider und etwas gelöster von der Geschichtserzählung.

Ein kleiner Kritikpunkt betrifft die Interpunktion. Das Ausrufezeichen scheint mir in Dialogen fester Bestandteil zu sein. Insbesondere zwischen Teresa und Schneider gibt es zahlreiche, aus meiner Sicht gefühlt normale Gespräche, bei denen aber ein Großteil der Sätze mit einem Ausrufezeichen endet. Ich hatte da Probleme, die Stimmung richtig aufzunehmen, weil die Ausrufezeichen den Sätzen mehr Nachdruck verliehen, als mein Gefühl für die Gesprächssituation erwartete. Das ist technische Kritik und sicher individuell, darum lasse ich das nur geringfügig in meine Bewertung einfließen.

Der Sozius ist ein kleines, feines Stück kurzweiliger Spannungsliteratur. Gängige, oft unbegründete Vorurteile gegenüber Self-Publishing-Werken treffen auf das Buch sicher nicht zu. Eine gute Gelegenheit, mal über den Tellerrand der Verlagskataloge hinaus zu blicken.

Mein Gesamturteil in Sternchen
Social Media Gedöns

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.