Stadt der großen Träume (von Fredrik Backman)

Es braucht nicht viel, um sich richtig zu verhalten. Einfach nur alles. So könnte man Fredrik Backmans Soziogramm einer Kleinstadt, in der sich alles um einen Eishockey-Club dreht, zusammenfassen. Eine Reise an die Grenzen der eigenen Moral – schön, wie schmerzhaft, wie grausam.

Quelle: S. Fischer

Ich starte ungewohnt. Denn die Inhaltsangabe wird zunächst der Klappentext im Wortlaut. Mein Problem ist, der ist inhaltlich extrem knapp und das Buch funktioniert wahrscheinlich unter anderem deshalb so gut. Allerdings kann ich es auf der Basis nicht rezensieren, ich werde also später gewaltig spoilern. Bitte, wenn ihr das Buch lesen wollt, überspringt die Spoiler. Stadt der großen Träume lebt erheblich davon, dass ihr mit einer gewissen Unbedarftheit dran geht.

In Björnstadt halten die Menschen zusammen. Ihre Devise ist: hart arbeiten, nicht beschweren und dem Rest der Welt zeigen, woher wir kommen. Das Leben hier war noch nie leicht, aber nun steht die Zukunft auf dem Spiel. Alle Hoffnungen liegen auf den Schultern ein paar junger Björnstädter. Noch ahnt keiner, dass sich ihre Gemeinschaft über Nacht für immer verändern wird.

So viel zum Klappentext. Man ahnt es schon, das kann alles sein. Und tatsächlich hatte ich, aus der Erfahrung mit Backmans früheren Romanen, auch etwas ganz anderes erwartet. Trotzdem, ich bin nicht enttäuscht, denn sein besonderer Stil, der mich in der Vergangenheit so sehr in seine Geschichten hineingezogen hat, der fehlt auch in Stadt der großen Träume nicht. Backman gibt sich sehr viel Mühe, ein literarisches Soziogramm von Björnstadt zu zeichnen – tatsächlich besteht fast die komplette erste Hälfte des Buches aus nichts anderem. Zusammen mit seiner Art, Figuren und Szenen zu beschreiben, zieht er seine Lesenden damit tief hinein in dieses Björnstadt. Backman baut über einen lange Zeitraum eine Idylle des Alltäglichen auf, aus Gegenwärtigem und seinen Bezügen zur Vergangenheit, ohne dabei zu verklären. Mit Ecken, Kanten und allerlei eher unschönen Kerben. Und erinnert doch beständig daran, dass er diese Idylle einreißen wird. Besonders dieser Teil der Geschichte lebt von der Angst, dass es sie zu schlimm treffen könnte, dass sie daran zerbricht.

Das macht er wirklich gut. Er hat zahlreiche Figuren, fast alle haben ihre guten und ziemlich schlechten Seiten, und er zieht uns so beiläufig und tief in deren Leben, dass es schwer fällt, einzelne Figuren als böse zu akzeptieren, wenn sie tatsächlich fraglos böse handeln. Stadt der großen Träume demonstriert, dass Menschen fast immer zwei Seiten haben und wie der Mechanismus vom netten Täter von nebenan funktioniert – in einem ab einem gewissen Punkt ziemlich schmerzhaften Selbstexperiment.

Das alles findet letztendlich im zentralen Kontext des lokalen Eishockeyclubs statt. Björnstadt hat nicht viel, mit dem sich seine Bewohner:innen identifizieren können, so konzentriert sich aller Stolz auf den Club und aktuell besonders seine Jugendmannschaft, denn die ist im Begriff, gegen alle Wahrscheinlichkeiten nach vielen Jahren der Mittelmäßigkeit wieder einmal die beste Schwedens zu werden. Für Björnstadt bedeutet das nicht alleine sportlichen Erfolg, sondern es hängen ganz konkrete wirtschaftliche Belange an diesem Erfolg. Ganz Björnstadt fiebert mit dem Team und wer es angreift, greift jede:n Björnstädter:in persönlich an.

Ein weiteres großes Thema ist die verheerende Schädlichkeit von Korpsgeist und auch hier belässt es Backman nicht bei einer einseitig plakativen Erfahrung, die für uns viel einfacher wäre. Stattdessen findet der Korpsgeist insbesondere im Umfeld des Eishockeyteams statt, betroffen sind also zahlreiche Figuren, die man auf die eine oder andere Weise schon auch sympathisch findet. Stadt der großen Träume fordert uns immer wieder auf, uns klar zu positionieren, lässt uns gleichzeitig aber fast keine Chance dazu. Das ist schmerzhaft, sowohl wenn man es nicht schafft, als auch wenn man es dann schafft.

Wir müssen über diskriminierende Sprache und Backmans Umgang mit ihr reden. Der ist nämlich schwierig, weil sowohl Sprache als auch Handlungen durch die ambivalente Darstellung der Figuren ambivalent konnotiert werden. Will beispielsweise heißen, im Kontext des Eishockeyclubs werden zahlreiche Ismen bedient. In der Kabine, auf der Tribüne, in der Schule im Teamverband gegen Schwächere. Backman stellt das als Teil der Teamkultur dar und damit bildet er sicher nicht seltene Realität in diesem Umfeld ab. Wo eine ungesunde Mischung aus Korpsgeist und Überlegenheitsgefühl existieren, ist die Unterdrückung als schwächer definierter nicht fern. Gleichzeitig sind all diese Figuren aber auch positiv dargestellt. Am deutlichsten tritt diese Ambivalenz vielleicht bei Bobo zutage, weil er aus schwierigem Umfeld kommt, gegenüber seinen Teamkameraden unglaublich aufopferungsvoll und einfühlsam ist, insbesondere gegenüber jüngeren Außenstehenden aber übel mobbt und gewalttätig ist. Das Problem ist, Stadt der großen Träume braucht sowohl diese Sprache als auch diesen ambivalenten Umgang mit ihr. Anders funktioniert das Experiment nicht.

Womit wir bei Content-Warnungen wären. Ich teile das hier wieder in einen spoilerfreien und einen spoilernden Teil, weil auch die Content Warnungen mehr über den Inhalt verraten, als man eventuell wissen sollte. Allerdings kann Stadt der großen Träume definitiv in vielerlei Hinsicht schwer triggern, wenn man vorbelastet ist. Der Roman ist alles andere als leichte Kost. Falls ihr Themen habt, bei denen ihr vorsichtig sein müsst, guckt in den Spoiler. Falls nicht, geht das Buch ohne ihn an. Ich kann’s nicht oft genug betonen, eine gewisse Unbedarftheit braucht das Buch.

Ich erhebe gleich mal keinen Anspruch auf Vollständigkeit der Liste. Bei der Masse ist mir sicherlich was durchgerutscht. Sprachlich ist ein breites Spektrum von Ismen dabei – Sexismen, Rassismen, Ableismen, dazu Schwulenfeindlichkeit. Dazu kommen Mobbing, körperliche Gewalt, sexualisierte Gewalt bis zur Vergewaltigung, Victim Blaming (auch institutionell), Cybermobbing, psychische und physische Gewalt im Elternhaus und suizidale Gedanken. Fast alles davon wird erst spät im Buch recht eindeutig verurteilt, weil fast alle Handelnden keine klar als böse dargestellten Figuren sind. Backman geht dazu häufig in der Szene in den Kopf der Handelnden, was den Eindruck einer Rechtfertigung erwecken kann. Backman positioniert sich, oft nicht unmittelbar und vor allem erst spät im Buch. Das gehört dazu. Er lässt seine Lesenden zunächst alleine mit der Einordnung.

Stadt der großen Träume ist ein Roman, der mitreißt – in jeder Hinsicht. Er spielt ein nicht immer faires Spiel mit den Lesenden und das macht er wirklich gut. Und, was vielleicht gleichzeitig am schlimmsten und am besten ist, die Geschichte endet nicht an dieser Stelle, denn mit Wir gegen euch gibt es einen zweiten Teil. Trotz der Fülle an Content-Warnungen definitiv eine Empfehlung, allein schon weil man so einiges über sich lernen kann. Denn sieht man mal davon ab, dass es wirklich sehr hart ist, ist es ein verflucht guter Roman.

Björnstadt

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